Durch Tanz zur Musik
Ein Text von Margarete Zander
„Der Rhythmus von dem Stück, wie war der?“, fragt Lehrer Klaus Hagge die rund zwanzig Kinder. Ein paar versuchen es, den Rhythmus nachzusprechen, gar nicht so einfach! Ömer schafft es dann: „Titi Ta, Ti Ta Ta, Ti Ta Ta. Titi Ta, Ti Ta Ta, Ti Ta Ta.“ Und mit Ömer sprechen die anderen gleich mit. Die Kinder haben die Musica ricercata Nr. 8 von György Ligeti gehört, sie haben keine Noten gesehen. Alles läuft über die Ohren und den inneren Klang. So können alle Schülerinnen und Schüler dieser jahrgangsübergreifenden Klasse im Stadtteil Duisburg-Marxloh sich einbringen, ganz gleich wie gut ihre Deutschkenntnisse sind. Denn einen Rhythmus zu erfassen, eine Melodie nachzusingen, das gelingt den allermeisten Kindern leichtfüßig, spielerisch.
Klaus Hagge, Musiklehrer und Schulleiter der GGS Sandstraße, macht diese Erfahrungen schon jahrelang. Seit 2008 arbeitet er mit dem Klavier-Festival Ruhr zusammen. Er kann davon berichten, wie ein Kind, das in anderen Bereichen sonderpädagogische Förderung bräuchte, im musischen die anderen überflügelt und so einen Bereich für sich entdeckt, der ihm Selbstvertrauen gibt, eigene kognitive Stärken erfahrbar macht. Auch als Beobachterin der Education-Projekte des Klavier-Festival Ruhr ist es staunenswert zu verfolgen, wie tief die Kinder im Zuge der gemeinsamen Arbeit in die Musik und ihre Strukturen eindringen. Durchs Hören, durchs Darübersprechen und durchs Tanzen!
Die Tanzpädagogin Petra Jebavy verbringt jede Woche ebenfalls mehrere Tage an Marxloher Schulen und arbeitet seit Jahren eng mit Klaus Hagge zusammen. In ihrem Unterricht durchschreitet sie gemeinsam mit den Kindern verschiedene Stadien des Hörens. Am Anfang lernen sie das Stück erst einmal kennen, lauschen, was die Musik ihnen erzählen möchte, was sie mit ihnen, mit ihren Gefühlen macht. Dabei hampelt dann niemand rum, erzählt Petra Jebavy, sondern alle sind ganz aufmerksam, nehmen die Musik in sich auf. Kinder, die zum ersten Mal an der langfristigen Education-Arbeit des Klavier-Festivals Ruhr teilnehmen, brauchen manchmal eine Weile, um ähnlich konzentriert mitzuhören. Sie lernen es in der Regel aber sehr schnell von den bereits erfahrenen Kindern. Die wissen, was auf das genaue Zuhören folgt: Das Sammeln von Ideen, von Assoziationen, welche Bewegungen passen könnten. In Ligetis Etüde „Automne à Varsovie“ zum Beispiel. Da klingt eine langsam absteigende Melodie doch wie Herbstblätter, die zu Boden flattern. Wie kann man das nachmachen? Wie langsam muss das Blatt-Kind zu Boden sinken, damit es zur Melodie passt? Am Ende kennt die Grundschulklasse jede Wendung dieses Musikstücks und kann selbst kleinste Fehler bei der Aufführung entdecken. Den Pianisten Fabian Müller blickten bei einer Probe einmal lauter entgeisterte Kinder an, er hatte in einem komplexen Klavierstück von Béla Bartók einen kleinen Fehler gemacht: „Das wäre im Konzert niemandem aufgefallen“, schmunzelte er, „die Kinder aber merkten meinen Fehler sofort“.
Gerade zeitgenössische Musik eigne sich sehr gut für solche Tanzprojekte, sagt Petra Jebavy. Erwachsene fänden diese Musik oft seltsam, rätselhaft, kompliziert, aber den Kindern geben diese abwechslungsreichen Stücke anregende Impulse, sich im Tanz auszudrücken. Dabei reflektieren sie, wie sich rhythmische Figuren verändern, wie sie das in ihren Bewegungen spiegeln können und auch wie sich die Stimmung der Musik verändert. Petra Jebavy hat im Laufe der Jahre gelernt, dass sie auf die Ideen der Kinder vertrauen und bauen kann. Am Anfang kann auch sie nicht sagen, wohin der Weg diesmal führen wird aber aus Erfahrung weiß sie, dass in der gemeinsamen Arbeit etwas entstehen wird. Und am Ende des Schuljahrs wird der Einsatz mit einer Aufführung vor Eltern und Interessierten belohnt, auf einer professionellen Bühne, mit Festival-Pianisten. Ein bleibendes Erlebnis für die Kinder.
Die intensive Arbeit an der Grundschule Sandstraße und den anderen Marxloher Schulen ist ein zentraler Pfeiler der Education-Arbeit des Festivals. Daneben gibt es noch viele weitere Projekte, die Musik erschließen und ihr Potential für die Persönlichkeitsbildung nutzen: Die Little Piano School und der KlavierGarten bauen auf der Wissbegier, der Experimentierlust und der großen Imitationsgabe von Kleinkindern auf und führen sie auf spielerische Weise ans Klavier heran.
In Duisburg werden die verschiedenen Ansätze seit einiger Zeit miteinander verbunden. Wer einen der Partnerkindergärten in Marxloh besucht, hört schon durch die Tür die Solmisationssilben: Do, Re, Mi, Fa, So, La und Ti. Mit diesen klingenden Namen arbeitet auch Klaus Hagge im Musikunterricht an der Schule. Dazu gibt es passende Handbewegungen, die die Töne nicht nur durch die gesungene Silbe, sondern auch durch eine Bewegung erfahrbar machen. Die Solmisation ist ein weiterer Baustein, der die Kinder dabei unterstützt, ihre eigene Stimme zu entdecken und ihren Körper zu erfahren.
Das Education-Programm des Klavier-Festivals Ruhr setzt mit seinem Fokus aufs Hören die Musik tatsächlich als universelle Sprache ein. Melodien und Rhythmen finden ganz ohne Noten zu jedem Kind einen unmittelbaren Zugang, und allein durchs aufmerksame Zuhören lassen sich die zum Teil komplexen Strukturen der Stücke erfassen, analysieren und reflektieren. Zugleich schärfen die Kinder ihre Konzentrationsfähigkeit und stärken ihr Selbstbewusstsein. Man muss sich schon taub stellen, um zu überhören, wie sinnvoll langfristige schulische Musikprojekte sein können…