Durch Tanz zur Musik

Ein Text von Margarete Zander

Freude und Selbstbewusstsein zeigen die Kinder, wenn sie zum Schluss ihrer Tanzaufführungen mit einer Sonnenblume in der Hand von der Bühne winken – unter tosendem Applaus des Publikums. Ihre Projekte gehören von Anfang an zum offiziellen Teil des Klavier-Festival Ruhr, ob im Landschaftspark Nord, in der Mercatorhalle, im Anneliese Brost Musikforum Ruhr in Bochum oder anderswo.

Die Musik, zu der sie tanzen, gefällt nicht immer jedem auf Anhieb. Klassische Musik unserer Zeit und aus der jüngeren Vergangenheit, von Messiaen und Berio, Ligeti, Bartók, Strawinsky und Benjamin. Das sind keine Gassenhauer und die Titel tauchten vorher bei den Jugendlichen vermutlich in keiner Musikliste auf. Aber nach den ersten Proben erweitern sie den Soundtrack ihres Lebensgefühls. Das Gute: Diese Musik reflektiert Seelenzustände unserer Zeit, sie polarisiert nicht und provoziert keine kulturellen Machtkämpfe von Fangruppen.

Das Klavier-Festival Ruhr schickt neben musikpädagogischen Fachkräften auch Tänzerinnen und Tänzer an die Schulen, um die Tanzprojekte professionell zu erarbeiten. Sie verwandeln Klassenzimmer und Sporthallen in Studios und schaffen so von Anfang an eine besondere Motivation und Disziplin. Dabei setzen alle eigene Prioritäten in der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen.

„Die klassische Musik unserer Zeit schafft Freiräume“, schwärmt Tänzerin und Choreografin Petra Jebavy. In enger Zusammenarbeit mit Musikpädagoginnen und Musikpädagogen wie Klaus Hagge entwickelt sie aus den natürlichen Bewegungen der Kinder gemeinsam mit ihnen magische Bilderfolgen. Besonders freut sie, dass hier alle – einschließlich der Kinder, die freiwillig wohl nie an einem Tanzworkshop teilgenommen hätten – ihre eigenen Ausdrucksformen erweitern und eine besondere Verbindung von Gefühl und Bewegung vertiefen.

Einen Ansatz, bei dem die Balance zwischen Selbstbestimmung und Gruppendynamik betont wird, verfolgt Erica Pico. Alle sollen spüren: Ich bin gefordert – ganz persönlich – und der Rahmen an Regeln engt mich nicht ein, sondern trägt mich in der Gruppe. Das gilt auch dann, wenn Kinder und Jugendliche ganz unterschiedlicher Schulen sich in den inklusiven Projekten in Bochum begegnen.

Bianca Pulungan schätzt besonders die konzentrationsfördernden motorischen Übungen. Die Kinder erkennen, dass Anstrengung zu Ergebnissen führt, die sie persönlich weiterbringen, und dass es ungeheuer befriedigend sein kann, sich auf etwas einzulassen, das bislang vielleicht nicht zu ihrer eigenen Lebenswelt gehörte.

Cinthia Nisiyama wiederum ist fasziniert von der Vielfalt der Kulturen. Selbst von unterschiedlichen Kulturen geprägt, lädt sie die Kinder ein, ihre eigenen Traditionen bewusst wahrzunehmen und sie in ihren aktuellen Lebenskontext einzubringen. Sie sollen spüren, dass ihre wahre Stärke sich nicht entwickelt, wenn sie mit dem Strom schwimmen, sondern wenn sie ihre Talente und Prägungen mit einbringen.

Anspruchsvolle Choreografien mutet Yasha Wang den Kindern zu, entwickelt sie mit Schulklassen aus Gymnasium, Gesamtschule und Grundschule erst einzeln, dann im Verbund. Oft begreifen die Kinder erst ganz zum Schluss bei den Proben auf der Bühne, wie groß das Projekt ist, dessen Teil sie geworden sind, und dass sich Fleiß und Disziplin gelohnt haben.

Nina Ridderbecks, die eng mit Yasha Wang zusammenarbeitet, bestärkt die Kinder und Jugendlichen im Prozess der Arbeit, konsequent weiterzumachen und dabei ihren eigenen Weg zur Musik zu finden. Ihre Begeisterung ist motivierend: „Am Anfang war klassische Musik unserer Zeit für mich fremd. Aber gerade durch sie spüren die Kinder die Musik stärker.“

Wenn internationale Spitzenmusikerinnen und Spitzenmusiker, die beim Klavier-Festival Ruhr gefeiert werden, die Schulen besuchen und live auf dem Flügel oder Klavier zum Tanz der Kinder spielen, sind sie überrascht von der Intensität, mit der die Kinder die klassische Musik körperlich erleben, und sie spüren diese Energie unmittelbar.

Lehrerinnen und Lehrer erzählen, sie hätten „ein Tränchen verdrückt“, als sie ihre Kinder so auf der Bühne sahen. Sie entdeckten Stärken, wo sie sie nicht erwartet hätten. Da geht der Schüler, der sich im Klassenverband gern wie ein Leader einer Gang aufführt, plötzlich in einer Nebenrolle auf – und die schüchterne Schülerin, die sich selten traut, sich aktiv am Unterricht zu beteiligen, zieht durch ihre Ausstrahlung beim Tanz alle Blicke auf sich und genießt es. In den Tanzproben kann man ganz konkret beobachten, wie das Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen wächst. Ganz individuell, bei jedem in seinem eigenen Tempo.

Tobias Bleek, der das Education-Programm seit 2006 für das Klavier-Festival Ruhr im Team entwickelt hat, ist begeistert. „Es wäre falsch“, sagt der Musikwissenschaftler, „Musik nur als pädagogisches Mittel zum Zweck zu sehen. Musik ist Kunst – und als solche einzigartig!“ Nachdenklich ergänzt er: „Kinder werden systematisch unterschätzt – mit dem, womit man sie konfrontiert. Man kann Kindern mehr Komplexität zumuten, als manche Erwachsene denken!“

Teilhabe am Kulturleben, das Mitgestalten unserer Gesellschaft, das Wecken von Selbstbewusstsein und die Idee der Selbstwirksamkeit: Die mit dem Education-Programm verbundenen Visionen wirken stark in Stadtteilen, die von der Vielfalt der Kulturen geprägt sind und in denen Schulen ständig besonders gefordert sind. Sie helfen mit, den Nährboden für eine lebenswerte Gesellschaft von morgen zu gestalten.

Margarete Zander