Dem inneren Klang lauschen
Ein Text von Susann El Kassar
Duisburg-Marxloh ist ein Stadtteil, der von einer großen kulturellen Vielfalt geprägt ist. Kinder und Jugendliche wachsen hier in einem Umfeld auf, in dem unterschiedliche Lebensrealitäten und Erfahrungen miteinander in Kontakt treten. Gleichzeitig stellen strukturelle Rahmenbedingungen Schulen und Kindertagesstätten vor besondere Herausforderungen: Bildungsbiografien sind nicht selten von Brüchen geprägt, sprachliche Barrieren erschweren den Schulalltag und begrenzte Ressourcen erfordern ein hohes Maß an personaler und pädagogischer Flexibilität.
In solchen Kontexten kommt kultureller und künstlerischer Bildung eine besondere Bedeutung zu, auch wenn sie im schulischen Alltag nicht immer im Mittelpunkt stehen kann. Die Arbeit mit Musik, Tanz und anderen künstlerischen Ausdrucksformen ermöglicht Begegnungen, die nicht an sprachliche Voraussetzungen gebunden sind, schafft gemeinsame Erfahrungsräume und geteilte Erlebnisse.
Die Education-Arbeit des Klavier-Festival Ruhr in Duisburg-Marxloh begann 2008 mit einem schulischen Projekt einer einzelnen Grundschulklasse. Von Anfang an war dabei klar, dass kulturelle Bildung nur dann wirksam sein kann, wenn sie nicht punktuell, sondern langfristig angelegt ist. Statt kurzfristiger und einzelner Angebote wurde daher bereits früh der Aufbau verlässlicher Kooperationen mit Schulen und Kitas forciert.
In enger Abstimmung mit den beteiligten Einrichtungen wurden die Angebote Schritt für Schritt weiterentwickelt, ausgeweitet und miteinander verknüpft. Aus einem einzelnen Projekt entstand über die Jahre ein ganzjähriges Programm, das heute an allen Marxloher Schulen – drei Grundschulen, einem Gymnasium und einer Gesamtschule – sowie vier Kindertagesstätten fest verankert ist. Die Entwicklung folgte keinem vorgefertigten Konzept, sondern entstand aus der Praxis heraus: Inhalte, Formate und Schwerpunkte wurden gemeinsam mit den Akteur:innen vor Ort entwickelt und immer wieder an die konkreten Bedarfe und Rahmenbedingungen angepasst.
Mit der Ausweitung des Programms und durch die regelmäßige Arbeit vor Ort konnten langfristige und tragfähige Beziehungen aufgebaut werden – zu Kindern und Jugendlichen ebenso wie zu Lehrkräften, Erzieher:innen und Schulleitungen. Auf dieser Basis gelang es, künstlerische Angebote nicht als Zusatz, sondern als selbstverständlichen Bestandteil des Schul- und Kitaalltags zu etablieren.
Im Modellprojekt Marxloh steht seit dessen Beginn die Erfahrung von Musik als gemeinschaftlicher Prozess im Vordergrund. Die Angebote schaffen geteilte Erfahrungsräume, in denen Kinder und Jugendliche Musik nicht theoretisch erklärt bekommen, sondern sie miteinander erleben und gestalten. Ein zentrales pädagogisches Prinzip ist dabei die gemeinsame Arbeit mit Körper, Stimme und Bewegung. Ob im Tanz oder im gemeinsamen Singen nach der Methode der relativen Solmisation: Lernen vollzieht sich zunächst über Wahrnehmung, über Nachahmung und über gemeinsames Tun. Musik wird hörbar, sichtbar und spürbar – bevor sie benannt oder beurteilt wird. So entsteht ein Zugang, der unabhängig von sprachlichen Voraussetzungen oder musikalischen Vorerfahrungen funktioniert.
Die relative Solmisation und die Verbindung von Musik und Tanz schaffen dabei Orientierung innerhalb eines gemeinsamen Rahmens. Ausgangspunkt ist dabei häufig die Klaviermusik des 20. und 21. Jahrhunderts, die für alle Schüler:innen gleichermaßen ungewohnt ist. Gerade diese gemeinsame Fremdheit eröffnet einen Raum, in dem Unterschiede in musikalischer Vorprägung oder kultureller Herkunft in den Hintergrund treten. Tonbeziehungen, Rhythmen und musikalische Strukturen werden erfahrbar, ohne dass abstrakte Begriffe im Vordergrund stehen. Die Kinder erarbeiten sich musikalische Zusammenhänge über Stimme, Bewegung und Instrumente und lernen, sich im gemeinsamen Musizieren zu orientieren und abzustimmen.
Ein zentrales Anliegen der Education-Arbeit in Duisburg-Marxloh ist es, Kinder und Jugendliche nicht nur punktuell zu erreichen, sondern sie über längere Zeiträume hinweg in ihrer Bildungsbiografie zu begleiten. Die Übergänge von der Kita in die Grundschule und von dort in weiterführende Schulformen sind für viele Kinder prägende Phasen, in denen neue Anforderungen entstehen und gewohnte Strukturen wegfallen.
Durch die kontinuierliche Präsenz im Stadtteil, wiederkehrende musikpädagogische Bezugspersonen und aufeinander aufbauende Formate entstehen personelle und inhaltliche Kontinuitäten, die Kindern Orientierung bieten können. Methoden, Arbeitsweisen und künstlerische Zugänge bleiben ihnen vertraut – auch dann, wenn sich der institutionelle Rahmen verändert.
Die langfristige Arbeit des Education-Programms wirkt nicht nur auf die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen, sondern auch auf die beteiligten Schulen und Kindertagesstätten im Stadtteil. Durch die kontinuierliche Präsenz vor Ort und die enge Zusammenarbeit mit den Einrichtungen können künstlerische Angebote verlässlich geplant, weitergeführt und im Alltag verankert werden.
Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte erleben die Projekte dabei nicht als punktuelle Zusatzangebote, sondern als festen Bestandteil ihrer pädagogischen Arbeit. Künstlerische Methoden werden über längere Zeiträume hinweg erprobt und weiterentwickelt und eröffnen neue Zugänge im Unterrichts- und Kitaalltag – etwa dort, wo Sprache an Grenzen stößt oder Übergänge besonders sensibel gestaltet werden müssen.
Zugleich entstehen im Rahmen der Projekte immer wieder Anlässe zum Austausch zwischen den beteiligten Einrichtungen. Grundschulen, Kitas und weiterführende Schulen, die über das Education-Programm bei dem Format der schulübergreifenden Projekte zusammenarbeiten, treten miteinander in Kontakt und stimmen ihre Arbeit punktuell aufeinander ab. Diese Zusammenarbeit ist kein Selbstzweck, sondern ergibt sich aus der gemeinsamen Praxis.
So trägt das Education-Programm dazu bei, dass kulturelle Bildung in den beteiligten Einrichtungen nicht isoliert bleibt, sondern als verlässlicher Bestandteil pädagogischer Arbeit mitgedacht wird, getragen von gewachsenen Beziehungen und konkreter Zusammenarbeit vor Ort.
Die Arbeit in Duisburg-Marxloh ist für das Education-Programm des Klavier-Festival Ruhr nicht nur ein Wirkungsort, sondern zugleich ein zentraler Erfahrungsraum. Über viele Jahre hinweg konnten hier künstlerisch-pädagogische Formate erprobt, weiterentwickelt und gemeinsam mit Schulen, Kitas und weiteren Akteur:innen des Stadtteils verankert werden.
Aus dieser langfristigen Arbeit ist ein dichtes Praxiswissen entstanden: darüber, wie kulturelle Bildungsangebote unter herausfordernden Bedingungen tragfähig gestaltet werden können, welche Formen der Zusammenarbeit sich bewähren und wie Kontinuität im pädagogischen Alltag entsteht. Marxloh steht dabei nicht für ein abgeschlossenes Modell, sondern für einen offenen Prozess des Lernens aus der Praxis.
Ein zentrales Anliegen des Education-Programms ist es, diese Erfahrungen weiterzugeben und für andere Kontexte nutzbar zu machen – etwa durch Hospitationen, Austauschformate, Fortbildungen oder Kooperationen mit Ausbildungsinstitutionen. Impulse aus der Stadtteilarbeit werden so in andere Schulen, Stadtteile und Arbeitsfelder getragen.
Die Arbeit in den Stadtteilen versteht sich nicht als abgeschlossenes Konzept, sondern als fortlaufender Prozess. Gesellschaftliche, schulische und pädagogische Rahmenbedingungen verändern sich – und mit ihnen die Anforderungen an kulturelle Bildung.
Das Education-Programm des Klavier-Festival Ruhr wird seine Projekte daher weiterhin gemeinsam mit den beteiligten Partner:innen entwickeln, überprüfen und anpassen. Ziel bleibt es, kulturelle Bildungsangebote langfristig zu sichern, Übergänge verlässlich zu begleiten und künstlerische Arbeit als festen Bestandteil des Alltags von Kindern und Jugendlichen zu stärken.